Der blau-weiße Wunschzettel
Hertha BSC buhlt um Hildebrand, Ernst und Borowski: Doch wie interessant ist der Klub für die Nationalspieler?
Von Uwe Bremer und Lars Gartenschläger
Von der aktuellen Saison ist gerade das erste Fünftel absolviert, doch bei Hertha BSC laufen längst die Planungen für die Serie 2005/06. "Wir sondieren den Markt und führen informelle Gespräche", bestätigt Manager Dieter Hoeneß. Klar ist, daß der Hauptstadt-Klub nach einem Jahr der Konsolidierung in der kommenden Saison sich in der nationalen Spitze etablieren will. Die Positionen, auf denen gesucht wird, sind bekannt: Es geht um einen Stürmer, einen zentralen Defensivspieler und einen Torwart. Soviel läßt der Manager durchblicken, zu Namen indessen will er keine Stellung nehmen.
Aus Kostengründen konzentriert sich Hertha BSC auf Profis, deren Verträge am 30. Juni 2005 auslaufen. In der Szene gilt es als offenes Geheimnis, daß der Verein gleich an mehreren Nationalspielern interessiert ist. Etwa an Timo Hildebrand (25) vom VfB Stuttgart. Seit fast einem Jahr kommen in Schwaben die Verhandlungen mit dem Schlußmann nicht voran. Sein Berater Dusan Bukovac, der als knallhart gilt, soll für seinen Mandanten ein Jahresgehalt von 2,6 Millionen Euro aufgerufen haben - zuviel für den VfB. Hildebrand ist sich seines Marktwertes bewußt. Er hält mit 884 Minuten nicht nur den Liga-Rekord in der Rubrik "Torwart ohne Gegentor', er gilt als größte nationale Hoffnung für das Trikot mit der Nummer 1, aktuell steht er im Kader für das Länderspiel am Sonnabend im Iran. Er hat genau registriert, daß sie in Stuttgart das Gehalt der anderen jungen Wilden wie Kuranyi oder Hinkel längst über die Zwei-Millionen-Grenze angehoben haben. Vergangene Saison hat Hildebrand öfters erwähnt, er würde gern in Stuttgart bleiben. Seit Monaten sagt Hildebrand, daß er zum Thema Vertrag gar nichts mehr sagt.
Der nächste Hochkaräter auf Herthas Wunschliste ist Fabian Ernst (25). Auch der Vertrag des Vizekapitäns vom SV Werder läuft im Sommer aus. Der Meister will Ernst weiter an sich binden; Bremens finanzielle Schallmauer liegt bei rund 2,4 Millionen Euro Jahressalär. Das große Ziel von Ernst ist die WM 2006. Er gehört zu jenen, die sich aktuell darüber ärgern, daß Angestellte des SV Werder in der Nationalmannschaft nicht die Lobby genießen wie andere. Torsten Frings vom FC Bayern, ein dicker Kumpel von Ernst, hat es vorgemacht: "Um in der Nationalelf weiterzukommen, mußte ich aus Bremen weggehen."
Wie immer bei der Suche fixiert sich Hertha pro Position nicht nur auf einen Spieler. So sind in der Defensive neben Ernst auch dessen Mannschaftskollegen Tim Borowski (24) und Christian Schulz (21) sowie Hanno Balitsch (23) weitere Optionen. Mit dem Leverkusener, der vorzeitig aus seinem bis 2006 laufenden Kontrakt aussteigen kann, hat sich Dieter Hoeneß am Montag, dem 6. September, in Berlin bei einem Nobel-Italiener getroffen.
Hildebrand, Ernst, Borowski, Schulz oder Balitsch - egal, mit wem Hertha BSC handelseinig wird, es wird Geld kosten. Im aktuellen Kader stehen mit Fredi Bobic, Niko Kovac, Giuseppe Reina und Marko Rehmer vier Spieler, die stattliche Gehälter einstreichen, bei allen läuft der Vertrag im Juni 2005 aus. Da liegt Potential für neue finanzielle Spielräume.
Anders sieht die Lage bei Arne Friedrich (25) aus. Hertha BSC will den Kapitän, der im Sommer ablösefrei gehen kann, unbedingt halten. Ein konkretes Angebot liegt ihm bereits vor. Die Finanzen sind ein wichtiger Teil, aber die entscheidende Frage aller Nationalspieler ist: Macht es Sinn, 2005/06 nach Berlin zu wechseln? Spielt Hertha in der Saison vor der WM international? Nach sieben Spieltagen und Tabellenplatz acht ist das seriös nicht zu beantworten.
Trotzdem bemüht sich der Klub bereits jetzt intensiv um Verstärkungen. Ein Jahrgang 2005/06 mit Perspektive macht aus vielen Gründen Sinn, auch für Hoeneß: Der Kontrakt des Managers läuft 2006 aus . . .
Sollte es Zufall sein, daß Dieter Hoeneß just in dieser Woche ein paar Tage in seiner Ferienwohnung in Kitzbühel verbringt - eine Autostunde südlich jenes Münchener Hotels, in dem sich die deutsche Nationalmannschaft vor dem Abflug in den Iran versammelt hat?